KI-Personas bieten spannende neue Möglichkeiten in der User-Forschung, da sie schneller und kostengünstiger erstellt werden können als ihre „echten“ Gegenstücke. Diese Effizienz bringt jedoch auch Herausforderungen mit sich. Sind KI-Personas verlässliche Stellvertreter realer Nutzer+innen oder führen sie uns auf eine falsche Fährte?
Die Erstellung von Personas gehört zu den Grundlagen der Arbeit von UX-Designern. Normalerweise basieren sie auf umfangreicher User-Research, Interviews und den Daten echter Nutzer+innen. Dieser Prozess kann jedoch aufwendig und teuer sein. Hier kommen KI-Personas ins Spiel. Mit frei verfügbaren KI-Tools (wie z. B. ChatGPT, Gemini oder Claude) können sie innerhalb kürzester Zeit erstellt werden.
Ein Beispiel: Wir erhalten den Auftrag, eine neue Webseite zu entwickeln, und der Kunde beschreibt uns eine grobe Zielgruppe. Mit dieser Beschreibung füttern wir ein KI-Modell, das typische Parameter dieser Zielgruppe identifiziert: Alter, Einkommen, Gewohnheiten, Werte, Social-Media-Verhalten usw. Die KI generiert daraufhin verschiedene Personas, die als Stellvertreter der Zielgruppe fungieren. Dabei ist es selbstverständlich, den Prompt so genau wie möglich zu formulieren. Die generierten Personas können anschließend noch zusammengefasst oder in Feinheiten korrigiert werden.
Das klingt zunächst nach einer überzeugenden Erleichterung. Aber sind die Ergebnisse gut genug? Können KI-Personas die Komplexität und Authentizität echter Nutzer+innen widerspiegeln und somit als verlässliche Grundlage für Entscheidungen im weiteren Prozess dienen?
Ein großer Vorteil der KI-generierten Personas ist unbestreitbar die Schnelligkeit und Kosteneffizienz. Innerhalb von Minuten erhält man eine ganze Reihe von Nutzertypen mit ausformulierten Zielen und Bedürfnissen. Gerade für kleinere Projekte, wenn das Budget knapp ist oder nur wenige Informationen zur Verfügung stehen, kann dies wertvoll sein.
KI-Personas basieren jedoch auf statistischen Durchschnittswerten und nicht auf echten Menschen. Sie tendieren dazu, zu eindimensional und zu „perfekt“ zu wirken oder idealisierte Antworten zu geben. Da „synthetic users“ oft alle Bedürfnisse und Probleme als gleich wichtig darstellen, sind sie beispielsweise für die Priorisierung von Features weniger hilfreich (mehr dazu hier: https://www.nngroup.com/articles/synthetic-users/). KI-Personas mögen die Zielgruppe gut abbilden, aber sie sind keine tatsächlichen Nutzer+innen. Das kann dazu führen, dass wichtige Details verloren gehen, insbesondere wenn Anwendungen ein hohes Maß an Fachwissen erfordern oder die Nutzer+innen stark emotional involviert sind.
Echte Menschen sind widersprüchlich, haben Eigenheiten und handeln nicht wie der Durchschnitt – sie erzeugen ihn über eine Masse an variablem Verhalten. Und genau diese Nuancen sind es, die für ein gelungenes Nutzungserlebnis und ein erfolgreiches Produkt entscheidend sind.
Schnelle und kostengünstige Erstellung
Keine echte Nutzererfahrung
Vereinfachte Zielgruppenanalyse auf Basis umfangreicher Datensätze
Risiko der Verallgemeinerung und fehlender Nuancen
Besonders nützlich bei engen Zeitplänen, Budgetbeschränkungen, fehlenden Informationen
Kann ungenaue Annahmen über Verhaltensweisen und Bedürfnisse treffen
In Bezug auf KI-Personas stellen sich viele UX-Designer aktuell die Frage: Wird das klassische Vorgehen bei der Persona-Entwicklung durch KI-Personas ersetzt und wird die fachliche Expertise von UX-Designern dadurch überflüssig?
Ein starkes Team für bessere Nutzererlebnisse
Unserer Meinung nach sollte man hier nicht zu voreilig sein. KI und klassisches User-Research müssen bei der Erstellung von Personas keine Konkurrenten sein. Sie können sich vielmehr ergänzen. Man könnte sogar sagen, dass KI eine Chance für klassisches User-Research bietet, um dort einen wichtigeren Stellenwert in der Produktentwicklung einzunehmen. Der Einstieg über KI-Personas ist niederschwellig und die Möglichkeit, mit Personas „zu kommunizieren“, ist ein neuer Zugang.
Wenn es um das schnelle Testen von Annahmen oder die Definition grober Anforderungen geht, bieten KI-Personas eine wertvolle Starthilfe. Um Features zu priorisieren und kreative Lösungen zu entwickeln, bleibt der direkte Kontakt mit Nutzer+innen jedoch unverzichtbar. Durch echte Gespräche, Interviews und Tests mit Menschen, für die die digitalen Lösungen entwickelt werden, erhält man die tiefen Einblicke, die den Unterschied zwischen einem ausreichenden und einem herausragenden Nutzungserlebnis ausmachen.
Unsere Erfahrung mit dem Einsatz von KI-Personas zeigt, dass verschiedene Rollen im Konzeptions- und Entwicklungsprozess ganz unterschiedlich davon profitieren. Hier sind einige Beispiele:
Entwicklungsteam
KI-Personas bieten UX-Designern und Product Ownern eine schnelle, datenbasierte Grundlage, um erste Annahmen und User Journeys zu entwickeln. So kann das gesamte Team von Anfang an die Zielgruppe besser verstehen.
Kunden/Auftraggeber
Kunden profitieren vor allem von der Schnelligkeit und den Kostenvorteilen. KI-Personas ermöglichen es, Projekte effizienter zu starten und dennoch mit fundierten Annahmen zu arbeiten. Gerade bei Projekten mit engem Budget sind KI-Personas oft eine attraktive Option.
Endnutzer+innen
Interessanterweise sind die tatsächlichen Nutzer+innen die größten indirekten Profiteure – oder auch die größten Leidtragenden, je nach Perspektive. Wenn KI-Personas zu oberflächlich sind, könnte das UX-Design an den echten Bedürfnissen der Zielgruppe vorbeischießen. Wenn jedoch KI und klassisches User-Research gut kombiniert werden, könnte das Ergebnis ein viel besseres Nutzererlebnis sein.
KI-Personas können in der UX-Arbeit eine große Hilfe sein, wenn sie richtig eingesetzt werden. Sie sind schnell, günstig und bieten eine gute Basis, um Projekte zu starten. Sie stellen jedoch keinen Ersatz für echte User-Research dar. Die Zusammenarbeit von KI und klassischem Research kann zu spannenden neuen Möglichkeiten führen. Wichtig ist, beide Methoden bewusst einzusetzen und ihre Stärken zu kombinieren, um ein optimales Nutzererlebnis zu schaffen.
Wir können Deine Vorhaben beschleunigen! Lass uns dazu sprechen.
Ulf DresenHead of Strategy + Innovation